89plus: “Filter Bubble”

Kuratiert von Simon Castets und Hans Ulrich Obrist.

Der von dem Internet-Aktivisten Eli Pariser in seinem gleichnamigen, 2011 erschienenen Buch geprägte Begriff “The Filter Bubble” beschreibt den Trend, Internetnutzer in eine zunehmend personalisierte Informationslandschaft hineinzudirigieren, indem man die Web-Inhalte algorithmenbasiert auf sie zuschneidet. Mit “Filter Bubble” betiteln auch 89plus ihr Vorhaben, drei Jahre Forschungsarbeit in ein Ausstellungsformat zu übersetzen, dass die reflexive Natur ihrer langfristig angelegten Recherchen nutzt. “Filter Bubble” stellt Arbeiten von über 30 Künstlern, Autoren und Technologen aller Kontinente vor und bietet damit eine breite Palette pointierter Antworten auf das Dauerdilemma der bequemen Ignoranz, das durch das Streben nach Relevanz in einer stetig anwachsenden Datenflut auf paradoxe Weise noch gesteigert wird.

1989 verhieß die Einführung des World Wide Web das Kommen eines offenen, grenzenlosen und objektiven Mediums zur weltweiten Wissensverbreitung und Informationssuche. Dass jemandes Weltsicht durch seine Tageszeitung oder seinen Lieblings-TV-Sender beeinflusst würde, schien ferne Vergangenheit. Die Hoffnung, das Internet zu einem Fenster zur Welt machen zu können, wurde jedoch in den letzten Jahren durch seine fortschreitende Personalisierung getrübt; seither wandelt sich das Web allmählich zu einer Vielzahl einzelner, individualisierter Spiegel, die unsere mit automatisierter Verhaltensmustererkennung erkannten Interessen widerspiegeln.

Internetnutzer müssen heutzutage ständig zwischen Komfort, Serendipität und Überwachung entscheiden. Zweckdienlichkeit wird vorrangig, Algorithmen fungieren als ausgelagerte Subjektivität. 89plus hinterfragen die kreativen Praktiken der mit dem Internet aufgewachsenen Generation analysieren in “Filter Bubble” gemeinsam den Dialog zwischen dem zukünftigen “Wunsch-Ich” (Eli Pariser) und dem ihm entgegengesetzten impulsiven “Jetzt-Ich”, sowie die Auswirkungen auf den öffentlichen Diskurs im digitalen Raum.

Mit Sarah Abu Abdallah (Providence), Sophia Al Maria (Doha), Abdullah Al-Mutairi (New York), Rachael Allen (London), Yollotl Alvarado (Mexico City), ARCA & Jesse Kanda (London), Darja Bajagić (New York), Alessandro Bava (London), James Bridle (London), Andrea Crespo (New York), Manolis Daskalakis-Lemos (Athens), Alex Dolan (New York), Valia Fetisov (Moscow), Louisa Gagliardi (Zürich), Deanna Havas (New York), Max Hawkins (nomadisch), Bernhard Hegglin (Zürich), Ho Rui An (Singapur), Emmanuel Iduma (New York), Nicholas Korody (Los Angeles), Isabel Legate (New York), Luca Lum & Marcus Yee (Singapur), Nicholas Maurer (Sydney), Felix Melia (London), Mitchell Messina (Kapstadt), Ryan Murphy (New York), Wyatt Niehaus (New York), Adriana Ramić (New York), Tabita Rezaire (Johannesburg), Bunny Rogers (Stockholm), Ben Rosenthal (Zürich), Bogosi Sekhukhuni (Johannesburg), Takeshi Shiomitsu (London), Crista Siglin & Isaac Wilder (Kansas City), Jasper Spicero (New York), Jesse Stecklow (Los Angeles), Hito Steyerl (Berlin), Elisabeth Sutherland (Accra), Philipp Timischl (Wien), Alexander Jackson Wyatt (Sydney), Urban Zellweger (Zürich), Zou Zhao (New York), Bruno Zhu (Amsterdam), Damon Zucconi (New York).

“Filter Bubble” präsentiert das Resultat des zweiten Jahres einer insgesamt dreijährigen Kollaboration zwischen 89plus und der LUMA Stiftung. Ihr ging 2014 die Ausstellung “Poetry Will Be Made by All!” voraus, welche die neu entstehende Poetik von Online-Distributionssystemen untersuchte und in Form des Publikationsprojekts “1000 Books by 1000 Poets” und einer fokussierten Beteiligung an der Ausstellung “After Babel” (2015) im Moderna Museet in Stockholm fortgeführt wurde. Anfang 2015 stellten 89plus ihre Recherchen zur Filter Bubble erstmals in einer “Prospectif Cinéma”-Vorführung am Centre Pompidou in Paris vor. In der kommenden Ausstellung im LUMA Westbau setzen sie diese erste Forschungsarbeit in eine umfassende Ausstellung um.