Cooper Jacoby: Disgorgers

Swiss Institute im LUMA Westbau

Der englische Fachbegriff gargoyle für die in der Architektur verwendeten grotesken Wasserspeier geht zurück auf das altfranzösische Wort gargouille, das „Hals“, „Gurgel“ oder „Speiseröhre“ bedeutet. Bei dem Hals handelt sich hier also um einen Abflusskanal, aus dem Regenwasser aus der Dachtraufe in schwungvollem Strahl vom Gebäude wegschießt, sodass es nicht in das Mauerwerk eindringt. Mit anderen Worten, Mund und Kehle eines Wasserspeiers sind nicht zum Schlucken, sondern zum Ausspeien gedacht. Viele traditionelle Wasserspeierformen sind von heidnischen und mythologischen Symbolen abgeleitet, die sich die christliche Sakralkunst in der Zeit der Pestepidemien in Europa als Verkörperungen von unerklärlichen sozialen oder biologischen Katastrophen zu Eigen machte. Solche Darstellungen böser, furchterregender, abstoßender oder skurriler Wesen assoziiert man heutzutage hauptsächlich mit Sakralbauten aus dem europäischen Mittelalter, doch mit der Neugotik fanden sie auch Eingang in die Architektur von Institutionen wie Universitäten, Banken und Bibliotheken.

Inspiriert von den hybriden Formen von Wasserspeiern und anderen Grotesken entwarf der amerikanische Künstler Cooper Jacoby eine Reihe von Skulpturen aus Haushalts- und anderen Geräten wie Kochherden, Wasserkochern, Kompostern und Heizkörpern und versah sie mit „Mündern“ bzw. „Mäulern“, die er von Wasserspeiern neuzeitlicher Profanbauten ableitet. Für die Ausstellung Disgorgers verknüpft er diese Skulpturen in einer Installation mit einer systemischen Logik von Krise, Notfall und Erschöpfung und lässt aus den Wasserspeier-„Rachen“ unterschiedlichste Dämpfe, Temperaturen und Geräusche entweichen.

Die beiden Galerieräume eröffnen ein Spannungsfeld zwischen sich steigernder, klimaktischer Aktivität und völliger Aufhebung von regelmäßiger Aktivität. Im ersten Ausstellungsbereich spielen Skulpturen eine Auswahl aufgenommener Telefon-Warteschleifenmusik ab, während modifizierte Beleuchtungskörper ausgediente Leuchtstoffröhren überhitzen, wodurch das an ihren Enden eingebrannte Quecksilber kerzengleich in kontinuierlichem Schwebezustand flackernd glüht. Einen Gegenpol dazu bilden Notfall-Installationen im zweiten Raum, die bei System-ausfällen aktiviert werden. Ein Notstromaggregat treibt die plastischen Wasserspeier-Skulpturen an und akzentuiert das heikle Verhältnis zur Infrastruktur und die irrationale Angst vor ihrem Fehlen.


Disgorgers ist Cooper Jacobys erste institutionelle Einzelausstellung in der Schweiz. Die Schau knüpft an den Erfolg der ‚ONE FOR ALL’-Reihe des Swiss Institute an, die aufstrebenden Künstlern eine erste institutionelle Ausstellung in den USA ermöglicht.