IMPONDERABLE: THE ARCHIVES OF TONY OURSLER

Kuratiert von Tom Eccles und Beatrix Ruf.

Imponderable ist ein groß angelegtes Forschungsprojekt, das sich mit dem privaten Archiv von Fotografien und Ephemera des amerikanischen Künstlers Tony Oursler auseinandersetzt. Diese einmalige Fundgrube aus über 2500 Fotografien, Publikationen und einzigartigen Objekten zeichnet eine soziale, spirituelle und intellektuelle Geschichte nach, die bis ins frühe 18. Jahrhundert zurückreicht. In der daraus konzipierten Ausstellung präsentiert Oursler ein von ihm realisiertes 4D-Video mit Kino-Spezialeffekten, einen Leseraum mit Projektionen von Vorträgen von Noam Elcott, Branden W. Joseph, Stephanie O’Rourke und ihm selbst, sowie einen umfassenden Katalog dieser einzigartigen Sammlung. Die von Tom Eccles und Beatrix Ruf für die LUMA Stiftung kuratierte Ausstellung wurde während des Fotofestivals Les Rencontres d’Arles im Sommer 2015 präsentiert und wird anschließend in verschiedenen Ländern gezeigt. Die 655 Seiten umfassende, von Zak Keyes gestaltete und in Zusammenarbeit mit JRP/Ringier realisierte Publikation zeigt Ourslers Archiv im Bild, begleitet von wissenschaftlichen Texten aus der Feder von Branden W. Joseph, Noam Elcott, Pascal Rousseau und anderen Autoren.


Der Projekttitel Imponderable, also Unwägbares oder Unberechenbares, lässt an etwas nicht näher oder genauer Bestimmbares denken. Wissenschaftler des 18. Jahrhunderts gebrauchten das Wort imponderable, um Magnetismus, Elektrizität und andere, nicht quantifizierbare Energien zu beschreiben – Ourslers Archiv enthält dazu zahlreiche Dokumente und Dokumentationen, der Begriff des Unwägbarem verweist hier aber auch auf ein Feld widersprüchlicher Spekulationen von sich konkurrierender Glaubenssysteme – und auf Tony Ourslers Interesse und Darstellungsformen und visuellen Übersetzungen, die das Publikum in der Geschichte und auch heute an die Wahrhaftigkeit vollständig unglaublicher Ideen glauben lässt.


Mitte der 1990er Jahre begann Oursler eine persönliche Geschichte der Produktion von virtueller Kunst in Form einer einfachen Zeitleiste zusammenzustellen. Die erste Version seiner Zeitleiste optischer Medien in der Kunst (er erarbeitete mehrere) begann mit der Camera obscura, der Phantasmagorie und anderen ephemeren mimetischen Apparaten und konstituiert für Oursler eine parallele Kunstgeschichte. Seine Chronologien, die ihn zu zahlreichen Werken inspiriert haben, entspringen seinem umfassenden Interesse an den Geschichten der Wissenschaft, Optik, Unterhaltung und Religion – um nur einige zu nennen -, das ihn letztlich motivierte, den Grundstock der Dokumentensammlung zu legen, die heute sein Archiv bildet. In der Folge begann Oursler, seine Sammlung zielstrebig auszubauen und bis zu seiner raumgreifenden Außeninstallation The Influence Machine (2000) fortzuführen: Die mit Projektionen arbeitende Installation setzt die Evolution des technischen Fortschritts (vom Morsealphabet über das Radio bis hin zum Internet) zu dem ewigen Wunsch in Beziehung, die Begrenztheit unseres Menschendaseins zu überwinden. In dieser Arbeit zeigt Oursler, wie jede neue Technologie kulturell erprobt und ihr fantastische, geradezu orakelhafte Fähigkeiten zugeschrieben werden, bevor sie zum Massenphänomen wird. Herauszufinden, wie solche Momente technologischen Potenzials sich auswirken können, ist für Oursler ein Ansporn zu seinen Forschungen.


Die anfängliche Auseinandersetzung mit ausgefallenen Praktiken der Mediengeschichten und mit okkulten Phänomenen veranlassten Oursler, sich eingehender mit Vorstellungen von spekulativem Denken, den Grenzen der Wissenschaft und dem Einsatz des Spektakulären auseinander zu setzen, die ihren Nachhall in der zeitgenössischen Popkultur finden. Betrachtet man Ourslers persönliche Geschichten des spekulativen Denkens in Wissenschaft, Religion und Ästhetik heute, im Zeitalter der digitalen Bearbeitung und der Echtzeit-Bildverbreitung, so fällt auf, wie sehr sie unsere Zeit vorwegnehmen – vor allem, wenn man den umfassenderen Kontext der Bildproduktion und -rezeption berücksichtigt.


Ourslers Archiv des Unwägbaren umfasst etliche Kategorien wie Bühnenmagie, Gedanken-fotografie, Dämonologie, Kryptozoologie, Optik, Mesmerismus, automatisches Schreiben, Hypnose, Feen, Kulte, Pareidolie, Okkultes, Farbenlehre und UFOs. Das Archiv spiegelt auch Ourslers eigene, in es eingebettete faszinierende Familiengeschichte wider. Sein Großvater Fulton Oursler war ein Universaltalent des amerikanischen Kulturbetriebs. Er war leitender Redakteur der Zeitschriften True Detective und True Romance, schrieb den Broadway-Kassenschlager The Spider und arbeitete als Bühnenmagier. In den 1940er Jahren verfasste er eine eng am Evangelium orientierte Popular-Biografie über Jesus, The Greatest Story Ever Told. Fulton Ourslers Ehefrau und Tony Ourslers Großmutter Grace Perkins war eine produktive, erfolgreiche Autorin, die über 50 Bücher sowie Drehbücher zu Filmen wie Night Nurse und Boy Crazy schrieb. Tony Ourslers Vater war Managing Editor bei Reader’s Digest und gründete die Zeitschrift Angels on Earth.


Für die Ausstellung Imponderable hat Oursler ein einzigartiges 4D-Video-Erlebnis geschaffen. In den Plot der originellen Handlung hat Oursler verschiedene Charaktere aus dem Archiv eingewoben, darunter einige Mitglieder seiner Familie. In den 1920er Jahren war sein Grossvater Fulton Oursler einer der führenden Köpfe bei der Entlarvung betrügerischer spiritistischer Medien, die damals als Inspiration, Kuriosum oder Unterhaltung ausgesprochen populär waren. Dies hatte er mit seinem Freund, dem Magier und Entfesselungskünstler Harry Houdini, gemein. Fulton Oursler korrespondierte auch mit dem für seine Sherlock-Holmes-Detektivgeschichten bekannten Autor Arthur Conan Doyle, der sich für die Erforschung paranormaler und mystischer Phänomene stark machte. Conan Doyle verfocht beispielsweise die Meinung, die berühmte, als Cottingley-Elfenfotos bekannt gewordene Serie von fünf Schwarzweiß-Fotografien zeige wahrhaftige Elfen. Das Wechselspiel zwischen betrügerischen Medien, sie entlarvenden Magiern und surrealistischen Séancen konstituiert den Kern von Ourslers phantasmagorischem Kinoerlebnis, das uns in ein unerwartetes Wechselbad von Empirismus und Mystik eintauchen lässt.


Das Projekt Imponderable sondiert Umgangsweisen mit und Möglichkeiten für Archive und für die künstlerische Produktion, Hauptanliegen der LUMA-Stiftung. Imponderable übersetzt das Archivmaterial in die Form eines Films, einer Installation und einer Publikation und eröffnet so einen neuen Einblick sowohl in die Materialien, die der Künstler über lange Jahre hinweg zusammengetragen hat, als auch in den Entwicklungsprozess seines Oeuvres.


Die Ausstellung wurde von der LUMA Stiftung in Auftrag gegeben und für den Parc des Ateliers, Arles, Frankreich produziert. Kuratiert von Tom Eccles (Direktor des Center for Curatorial Studies am Bard College, New York) und Beatrix Ruf (Direktorin des Stedelijk Museum, Amsterdam).