Precious Okoyomon – A Drop of Sun Under The Earth


schwarzescafé im Luma Westbau und die Serpentine Galleries präsentieren A Drop of Sun Under The Earth, die erste institutionelle Ausstellung der nigerianisch-amerikanischen Künstlerin Precious Okoyomon, die von Fredi Fischli und Niels Olsen kuratiert ist. Die Ausstellung findet in Heimo Zobernigs schwarzescafé statt, dessen modernistisches Interieur durch das Hinzufügen von vier grossen blühenden Bäumen bewusst sabotiert wird.


In seiner Historischen Grammatik der bildenden Künste berichtet Alois Riegl, dass im antiken Griechenland der Glaube vorherrschte, das korinthische Kapitell gehe auf einen Korb mit Spielsachen auf dem Grab eines kleinen Mädchens zurück, das von Akanthus überwuchert worden war. Diese Anekdote entwaffnet einen Grossteil der westlichen Ästhetik allein durch die Einsicht, dass, genauso wie die Architektur einem Zustand des Natur entspricht, alle Dinge vom Horizont des unentrinnbaren Todes und Zerfalls her bestimmt sind.


Okoyomons bisher bedeutendste Installation reinszeniert die ikonisch gewordenen Bäume der Lynchmorde der amerikanischen Südstaaten. Von jedem Baum hängt ein Stofftier herunter, das durch die Anbringung taxidermisch präparierter Vogelflügel zu einem Engel wird. Okoyomon behauptet damit eine strukturelle Entsprechung zwischen dem Milton‘schen Begriff des Engels als einem Geschöpf ohne Leben und Tod einerseits sowie dem existenziellen Leid und der materiellen Last von blackness in Amerika andererseits. In diesem Amerika wird der rassifizierte Mensch gezwungen, in einem Zustand des immer und von je her tot-Seins zu leben. Die physische Unmöglichkeit, einen Engel zu lynchen, der sich der Schwerkraft durch sein Flugvermögen jederzeit widersetzen kann, wird mit der Aussichtslosigkeit eines Lebens kontrastiert, das nur durch nie endendes Fliegen aufrecht erhalten werden kann. Für Okoyomon ist das Leben der Schwarzen eine blosse Mobilmachung des Todes.


Die Engel baumeln an nachlässig geknüpften Schlingen, ähnlich denen, die bei Fesselspielen benutzt werden. Sie erinnern an perverse Lustassoziationen, die von Apparaten der Kontrolle, Unterwerfung und Versklavung ausgehen. Weisse Baumwolle und Baumwollsamen zirkulieren im klimatisierten Luftstrom des Ausstellungsraums. In einer choreografierten, fortwährenden und diasporischen Verdrängung legen sie sich über die Einrichtung und die Werke in der Ausstellung. Unmittelbar ins Auge springt dabei vielleicht die befremdliche Sinnlichkeit aller dieser Bestandteile. Frenzied Sun nimmt Frantz Fanons Klage auf, man sei «schwarz nicht als Folge eines Fluchs, sondern weil [die] Haut all die kosmischen Ausflüsse einfangen konnteÉ ein Tropfen Sonne unter der Erde.»


Die Beleuchtung des Ausstellungsraums wird durch sechs schwarze, kugelförmige Kunstharz-Hüllen, die über die vorhandenen Lampen gestülpt werden, verfremdet, wobei jene Lampen dadurch zu lichtlosen Laternen werden. Diese Arbeit nimmt Bezug auf die «Lantern Laws» – eine New Yorker Gesetzgebung aus dem 18. Jahrhundert, der zufolge Menschen schwarzer, gemischter oder indigener Rasse in der …Öffentlichkeit Laternen mit sich tragen mussten, wenn sie nach Sonnenuntergang ohne Begleitung eines Weissen unterwegs waren. Die Laternengesetze begründeten den modernen Überwachungsstaat und offenbaren aus heutiger Sicht eine Geschichte der Kriminalisierung und Rassifizierung von Licht und Dunkel wie auch der Sonne (die Okoyomon selbst für unstreitbar schwarz hält). Das erinnert uns daran, dass die Sonne vielleicht deshalb so blendend schön ist, weil sie eigentlich nicht gesehen werden kann.


Die dritte Arbeit der Ausstellung ist ein animiertes, durch den Wald projiziertes Einkanal-Video eines schwerfälligen, kiffenden schwarzen Comic-Bären. Als Hintergrundkommentar erzählt der Bruder der Künstlerin, wie er zweimal beinahe von amerikanischen Polizisten erschossen worden wŠre. Die Wirkung dieser Erzählung ist umso erschütternder, als Okoyomon dem Bruder im Lauf der Erz$hlung immer wieder vorwirft, er sei «mindestens ein wenig selbst schuld daran gewesen», womit sie das rassifizierte Recht auf Sünde adressiert und gleichzeitig ausbuchstabiert, dass wir zwar alle irgendwann Böses getan haben, aber dabei nicht gleich bšse waren. Der andauernde Witz, der diese Arbeit durchzieht, zeigt allerdings auch Okoymons eigensinnige Überzeugung, dass wir mit respektloser Fröhlichkeit einen Kurzschluss der Macht bewirken können.


Text von Quinn Harrelson





Precious Okoyomon lebt als Künstlerin und Schriftstellerin in New York. Sie hat am Shimer College in Chicago studiert. Ihre Arbeit wurde auf der 13. Baltischen Triennale und in einer gemeinsamen Ausstellung mit Hannah Black bei Real Fine Arts in New York gezeigt. Okoyomon hat ihre Texte bei The Kitchen und im Artist‘s Space in New York sowie in den Londoner Serpentine Galleries vorgelesen. Ihre Arbeit ist in der Sammlung Rubell Family Collection vertreten. Ihr erstes Buch Ajebota kam 2016 bei Bottlecap Press heraus, ihr zweites But Did U Die? erscheint demnächst bei Birds LLC.










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